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Obwohl das in Aßlar produzierte Trockenstabilat schon rein
mengenmäßig als Ersatzbrennstoff für den Betrieb der geplanten
Müllverbrennungsanlage (MVA) im Wetzlarer Dillfeld von untergeordneter Bedeutung
ist (max. 20%), ist der Versuch einer zumindest teilweisen Aufarbeitung des
äußerst undurchsichtigen Themenkomplexes „Trockenstabilat, Abfallwirtschaft
Lahn-Dill-Kreis“ unerlässlich, um die aktuellen Vorgänge in Wetzlar im
Zusammenhang mit der MVA halbwegs zu verstehen. Wenigstens einige Aspekte seien
hier angerissen (to be continued).
Trockenstabilat Beim Trockenstabilatverfahren wird der angelieferte Restmüll
in so genannten Rotteboxen einer Kurzrotte unterzogen, die hauptsächlich dazu
dient dem Material Wasser zu entziehen. Nach dieser Trocknung wird der
Restmülls in eine Leicht- und eine Schwerfraktion aufgetrennt. Bei der
„Leichtfraktion“ bestehend aus Holz, Kunststoffen, Papier, Textilien und
anderen organischen Abfällen handelt es sich schon um das so genannte
Trockenstabilat, das anschließend in Ballen gepresst und in PE-Folie verpackt
wird. Die „Schwerfraktion“ wird in folgende Bestandteile aufgetrennt
- Nichteisenmetalle - Eisenmetalle - Batterien - mineralisches Granulat vorwiegend aus Glas,
Keramikscherben und Steinen - schwermetallhaltiger Schlamm (Sondermüll)
z.T. der Wiederverwertung zugeführt und z.T. entsorgt.
Im Trockenstabilat weiterhin enthaltene problematische
Bestandteile sind v.a. chlorhaltige Kunststoffverbindungen (PVC) und andere
organische Chlorverbindungen sowie chemisch gebundene und in anderem Material
eingebettete Metalle (u.a. schwermetallhaltige Pigmente, metallhaltige
Stabilisatoren in Kunststoffen).
Die im Zusammenhang mit Trockenstabilat auftretenden
Probleme lassen sich in drei thematische Gruppen aufteilen:
- Probleme bei der Verbrennung und Schadstofffreisetzung in
die Luft; - Probleme bei der Lagerung; Brände in Stabilatanlagen; - Probleme bei der Vermarktung; Kosten.
Probleme bei der Verbrennung und Schadstofffreisetzung in
die Luft Durch die Separierung der so genannten „Schwerfraktion“
(s.o.) werden dem Hausmüll zweifellos Schadstoffe entzogen, die somit im
Trockenstabilat nicht mehr vorhanden sind. Das angestrebte Ziel einen
Ersatzbrennstoff zu produzieren, der einen Schadstoffgehalt ähnlich dem von
Braunkohle aufweist, hat der Hersteller aber klar verfehlt. Insbesondere bei
den Schwermetallen Blei, Chrom, Kupfer, Nickel, Quecksilber und Zink sowie beim
Chlorgehalt liegen die Werte von Trockenstabilat deutlich über denen von Braun-
und auch von Steinkohle. Zudem sind die Schwankungsbreiten im Schadstoffgehalt
beim Trockenstabilat höher.
Die Verbrennung des Trockenstabilats in der eigens hierfür
in Aßlar errichteten „Energetischen-Verwertungs- Anlage“ (EVA) führte dann auch
zu den eigentlich zu erwartenden Problemen. Mit der „Verwertung“ von 15.000
Jahrestonnen Trockenstabilat sollte in dieser Anlage die Faustregel widerlegt
werden, daß thermische Müllbehandlung erst in Anlagen ab 100.000 Jahrestonnen ökonomisch
vertretbar sei. Der Anspruch kostengünstig zu sein wurde umgesetzt in Form
einer Anlage mit relativ einfacher trockener Abgasreinigungstechnik. Sie hatte
von Beginn an Mühe hatte die Anforderungen der 17. BlmschV einzuhalten (von
September 2000 bis April 2001 wurden fast täglich die Emissionsgrenzwerte sogar
überschritten). Wobei die Anforderungen der 17. BlmschV noch nicht einmal dem
heutigen „Stand der Technik „ entsprechen. Moderne Müllverbrennungsanlagen mit
fortschrittlicher Technologie haben überhaupt keine Probleme die geforderten
Werte deutlich zu unterschreiten (s. Abb.). Trotz der Einsparungen im Bereich
Abgasreinigung verfehlte die EVA den Anspruch ökonomisch sinnvoll zu sein ("Gutachten kommt zu verheerendem Ergebnis für SPD-Landrat").
 Emissionswerte der Abfallverbrennungsanlage Bielefeld im Vergleich zu den Grenzwerten der 17. BImschV
Probleme bei der Lagerung; Brände in Stabilatanlagen Das Ziel des Trockenstabilatverfahrens besteht darin den
Restmüll zunächst möglichst schnell zu trocknen. Hierin sieht der Hersteller
den „entscheidenden Schritt zur nachfolgenden sortenreinen Zerlegung des
Rottegemisches in seine Wert- und Energiestoffe sowie für die Lagerfähigkeit
des erzeugten Brennstoffes“. Es handelt sich also nicht um echte
mechanisch-biologische Restabfallbehandlung, da eine möglichst vollständige
Reduzierung der biologisch abbaubaren Anteile des Restabfalls überhaupt nicht
angestrebt wird. Diese vor wie nach im Trockenstabilat vorhandenen organischen
Anteile werden aber bei einer Lagerung oder Deponierung des Materials zum
Problem, da sie bei Kontakt mit Wasser sofort wieder zu rotten und zu gären
beginnen. Das hierbei entstehende Methan kann zur Entzündung der gepressten
Müllballen führen, die dann unter völlig unkontrollierten Bedingungen abbrennen
und Schadstoffe freisetzen. Das vermeintlich
„lagerstabile Trockenstabilat“ ist somit eben genau das nicht! Das es sich hierbei leider nicht um „blasse
Theorie“ handelt ist gut dokumentiert: "Herhof-Konkurs, Brände in Abfallanlagen" Artikel WNZ_13.11.06.pdf Artikel WNZ_14.11.06.pdf Artikel WNZ_27.12.06.pdf
 “Alle Aßlarer Feuerwehren und weitere Kräfte waren gestern
im Einsatz, um den Brand in der Anlage für Trockenstabilat zu bekämpfen. (Foto:
Pöllmitz)“ (WETZLARER NEUE ZEITUNG vom 13.11.06).
Probleme bei der Vermarktung; Kosten Das ursprüngliche Konzept (Ihmels1999)
sah für die Vermarktung von Trockenstabilat drei Möglichkeiten vor:
- als Ersatz für Gas, Öl oder andere Brennstoffe (Stützfeuer)
in klassischen Müllverbrennungsanlagen - als Brennstoff in Industriebtrieben, die eine nach der 17.
BlmschV genehmigte Feuerungsanlage
betreiben (z.B. Zementwerk) - zur Herstellung von Methanol („auf dieselbe Weise wie mit
den Kunststoffen aus der Getrenntsammlung des DSD“)
Keine der aufgeführten Möglichkeiten konnte bis heute die
gewünschten Erfolge vorweisen. Im Gegenteil, das Trockenstabilat wurde nicht
der von Herhof und Lahn-Dill_Kreis prognostizierte hervorragende sekundäre
Industriebrennstoff, sondern entwickelte sich zum unverkäuflichem Ladenhüter.
Auch nach mehreren Jahren Vermarktungsversuch zeigt die Industrie an dem
Ersatzbrennstoff, der immer noch kein RAL-Gütezeichen besitzt ("Abschied vom Ladenhüter Trockenstabilat") und dessen
Zusammensetzung Schwankungen unterliegt, wenig Interesse. Die nicht in der EVA
verbrannten Stabilatmengen wurden und werden entweder gegen Zahlung nicht
unerheblicher Geldbeträge in Industrieanlagen verbrannt, zu Methanol
verarbeitet oder direkt auf der Deponie abgelagert.
Unabhängig davon, wie viele Millionen € im Lahn-Dill-Kreis
konkret in den letzten Jahren aufgrund der politischen Festlegung auf das
Trockenstabilatverfahren tatsächlich
„verbrannt“ wurden ("Das Trockenstabilatverfahren in der Krise"), stellt sich die Frage, ob das Scheitern dieses Konzeptes nicht
hätte vorausgesehen werden können. Zumindest kam ein im Auftrag des Thüringer
Ministeriums für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt erstelltes Gutachten
der Firma BZL Kommunikation Projektsteuerung GmbH zum Thema
„Trockenstabilat-Abfallwirtschaftliche Einordnung“ (http://www.bzl.info/arbeitsbereiche/abfallwirtschaft.php) bereits im Mai 1998 u. a. zu folgenden Aussagen: “Offen ist, ob ein dezentrales Konzept zur
Trockenstabilisierung und Verwertung von Hausmüll in einer konkreten
Ausschreibung die Kosten für eine MVA-Lösung unterbieten kann. Im Kern ist die
Struktur der Fragestellung einfach: Die MBA stellt gegenüber einer zentralen
MVA ohne Vorbehandlung einen zusätzlichen Kostenfaktor dar. Dieser wird dann
vertretbar, wenn durch die Vorbehandlung für die Entsorgung des erzeugten
Materials kostengünstigere Wege gegenüber der direkten Entsorgung des
Roh-Hausmülls erschlossen werden können. Der wohl entscheidende Malus ist die
Tatsache, daß bis heute unklar ist, wo das nicht für die Klein-MVA vorgesehene
TROCKENSTABILAT® tatsächlich eingesetzt werden soll.“
Fazit Trockenstabilat ist für den Hersteller Herhof und den
Lahn-Dill-Kreis trotz immenser Investitionen nicht der erhoffte „Renner“
geworden. Im Gegenteil das Produkt hat, da weder stabil, noch hinreichend
schadstoffentfrachtet so recht nie den Marktdurchbruch schaffen können. Der
Lahn-Dill-Kreis zahlt aufgrund „ungünstiger“ Verträge langfristig sowohl für
die Produktion des Stabilats, als auch für dessen Entsorgung. Nachvollziehbar
also das Interesse an einem Ausweg aus diesem Dilemma (MVA im Dillfeld). Die
Zeche zahlen wie immer die BürgerInnen, ob mit ihren Euros und/oder ihrer
Gesundheit.
Konsequenzen - Einstellung der Produktion von Trockenstabilat; - Abschaltung der EVA; - Erstellung eines ökologisch und ökonomisch sinnvollen
Abfallwirtschaftskonzeptes für den Lahn-Dill-Kreis, das den berechtigten
Anspruch der Menschen im Großraum Wetzlar nach verbesserter Luftqualität
nachhaltig unterstützt!
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