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Nahezu alle auf den ersten
Blick nicht nachvollziehbaren Entscheidungen und Positionierungen im
Zusammenhang mit der geplanten Müllverbrennungsanlage im Wetzlarer Dillfeld
harmonieren wirklich gut mit der These „Wetzlars größter Steuerzahler pfeift
und alle stehen stramm“ (zu loben ist diesbezüglich die wohltuend kritische
Berichterstattung der WNZ). So war es im Grunde schon immer, die Bedürfnisse
der Bürger nach einer gesunden und lebenswerten Umwelt wurden gegenüber den
Interessen von Buderus als nachrangig bewertet („Wetzlarer
Industrietradition“); Je kritischer die wirtschaftliche Situation desto
gnadenloser.
Die vielfältigen Beziehungen
der Abfallwirtschaft im Lahn-Dill-Kreis inklusive ihres langjährigen Leiters zu
der Solmser Firma Herhof wiederum sind sicherlich der Schlüssel zum Verständnis
der Rolle der SPD in dieser Angelegenheit. Immerhin hätte sie als größte
Oppositionspartei im Wetzlarer Stadtparlament die Gelegenheit nutzen und sich
zum Anwalt der betroffenen Bürger für saubere Luft und Transparenz in der
Politik machen können. Schade eigentlich um die vertane Chance.
Aber es bleiben auch
tatsächlich offene Fragen:
Was soll eigentlich im
Wetzlarer Dillfeld verbrannt werden?
Definitiv ist es nicht
möglich eine Anlage mit der Kapazität von 300.000 t Ersatzbrennstoff pro Jahr ausschließlich mit dem im
Lahn-Dill-Kreis produzierten Trockenstabilat zu betreiben. Im Gegenteil, das im
Lahn-Dill-Kreis produzierte produzierte Trockenstabilat (Angaben schwanken
zwischen 40.000 und 70.000 t pro Jahr) stellt maximal einen Anteil von knapp
einem Viertel der benötigten Ersatzbrennstoffmenge dar. Was jedoch soll
hauptsächlich im Dillfeld verbrannt werden? Trotz mehrfachem Nachfragens bei
den verschiedenen öffentlichen Präsentationen des Projektes ließen sich hierzu
nur bruchstückhafte Informationen erhalten: "Verträge stünden kurz vor dem
Abschluss"; "Kein weiteres Trockenstabilat"; "Gewerbemüll
aus der näheren Umgebung" (< 50 km). Import von Müll zur besseren
Auslastung ist nach dem hessischen
Abfallwirtschaftplan von 2005 erwünscht - Wirtschaftlichkeit vor
Lebensqualität! Nun ist Gewerbemüll
logischerweise alles andere als eine homogene Fraktion; von vergleichsweise
unbedenklichen Stoffen wie z.B. Rinden- und Holzabfällen aus der Papierindustrie
bis hin zu sehr bedenklichen Fraktionen wie Autoshredderabfällen oder
PVC-haltigen Verpackungsabfällen ist hier einiges möglich. Das europäische
Abfallverzeichnis enthält allein 20 Abfallgruppen, die wiederum insgesamt 839
einzelne Abfallarten (davon 405 als gefährlich eingestuft) enthalten.
Abfallarten aus 11 dieser 20 Abfallgruppen können direkt oder aufbereitet als
sogenannter Ersatzbrennstoff eingesetzt werden. Fazit: Giftiger Abfall -
giftige Abgase! Die faktische Zustimmung der
Wetzlarer Stadtverordneten zur geplanten Müllverbrennungsanlage ohne Kenntnis
darüber, um was es sich hierbei konkret handelt, ist unverantwortlich. Oder ist
doch schon mehr bekannt, nur die Öffentlichkeit soll nichts davon erfahren?
Warum wurde die Entscheidung
über den Verkauf des städtischen Grundstückes derart forciert?
Wie schon erwähnt (s.
Bürgerbeteiligung und Politikverdrossenheit in Wetzlar) lagen zwischen der
Information der Bevölkerung über die Presse und dem Beschluss der
Stadtverordnetenversammlung dem Verkauf des Grundstückes an die
Ersatzbrennstoffkraftwerk Wetzlar GmbH & Co. KG zuzustimmen nur ganze 8
Tage, trotz defizitärer Datenlage (s. o.). Begründet wurde die Eile mit
Verteilungskämpfen um Ersatzbrennstoffe und der damit verbundenen
Notwendigkeit, schnell zu handeln. Angeblich sollten gleich am darauf folgenden
Montag die Antragsunterlagen bei der Genehmigungsbehörde eingereicht werden.
Das ist bis heute 14.2.07, fast 3 Monate später, noch immer nicht geschehen.
Warum also die Hektik? Besteht ein Zusammenhang zur, trotz längst abgelaufener
Fristen noch immer nicht erfolgten Aufstellung eines Luftreinhalteplanes wegen fortgesetzter Überschreitung von Luftschadstoff-Grenzwerten in Wetzlar? Oder sollte damit
tatsächlich der Wetzlarer Bevölkerung die Möglichkeit genommen werden in Form
eines Bürgerbegehrens direkt über dieses Großprojekt zu entscheiden?
Was hat Buderus eigentlich
von der Müllverbrennungsanlage?
Während die
Öffentlichkeitsarbeit von Buderus-Edelstahl (bzw. des Mutterkonzerns Böhler-Uddeholm)
bei der Präsentation ihres Vorhabens im Vorfeld der Entscheidung der
Stadtverordnetenversammlung über den Verkauf des städtischen Grundstückes noch
darauf angelegt war zu suggerieren ein kleines gallisches Dorf befände sich im
Kampf gegen das römische Imperium ("Deutschland ist aufgeteilt in 4
Besatzungszonen: E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW"), stellte sich kurze Zeit
später heraus, dass eben genau einer dieser 4 „Besatzer“ als Investor und
Betreiber der Anlage gesucht und vorgesehen ist. Böhler-Uddeholm selbst will offenbar
weder investieren noch betreiben, wieso aber sollen sie dann billigen
Strom bekommen? Und wie wollen sie die versprochenen Arbeitsplätze garantieren? Oder handelt es tatsächlich
um einen "Bluff", wie Abfallexperte H. Hundt von der CDU Lahn-Dill
vermutet (WNZ 22.12.06 ), zur Erlangung einer besseren Positionen bei
Verhandlungen mit Stromkonzernen über zukünftige Lieferverträge? Unabhängig
davon, dass es der Bevölkerung im Großraum Wetzlar nur Recht sein kann, wenn
die Müllverbrennungsanlage nie gebaut würde, erscheint es kaum vorstellbar,
dass Wetzlars Magistrat und Stadtverordneten sich diesbezüglich von Buderus
haben derart vorführen lassen...
 Wetzlars Skyline - demnächst noch imposanter? Im Vordergrund soll die geplante Müllverbrennungsanlage entstehen.
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